Relatyvismus in der Kunst

6.09.2001

Die Kunst beginnt dort, wo die Realität endet. Damit wird sie für uns jedoch nichts Irreales. In dem sie sich dem heutigen Diktat der „hypermedialen Wirklichkeit“? entgegen stellt, steht die Kunst eindeutig auf der Seite des Menschen in seinem Bedurfnis, seine subjektive, individuelle Qualität in der Verwirrung der Verallgemeinerungen, der Vereinfachungen und der ?objektiven Korrektheit? des alltäglichen Lebens zu fin-den. Sie bildet eine alternative Nische, in der sich jeder wiederfinden kann, wenn er nur dazu imstande ist.

Erfüllt die Kunst denn heute dieses Postulat?…, oder strebt sie, in dem auch sie sich vom Menschen entfernt, nach eine trugerischen Beziehung mit der schillernde Wirklichkeit?

In dem sie ein pathologisches Verhältnis mit dem virtuellen oder realen kommerziellen Markt eingeht, verliert die Kunst unmittelbar ihre ganze Qualität und Integrität. Sie wird zumeist lediglich zu einer lächerlichen und naiven Kopie der ?Welt der Supermärkte und Medien?, ohne Rücksicht darauf, ob sie dafür oder dagegen ist. Jede Plakatwand, jedes andere Produkt der Reklameagenturen sieht in dieser Situation sinnvoller und ernsthafter aus als die attraktivste oder skandalöseste Installation in einer „avantgardistischen“ Galerie. Aktuell entstand mit dem Ziel der Produktion und Promotion kommerziell attraktiver Produkte für die Galerie irgendeine seltsame Richtung, die von potentiellen Künstlern lediglich technische Fähigkeiten im Bereich der neuen Medien und des Marketings verlangt. Die Kunst verliert auf diese Weise ihre Besonderheit und Andersartigkeit und wird ein mehr oder weniger wertvolles Element des globalen Marktes. Aus dem Supermarkt kommend treten wir in irgendein Zentrum der zeitgenössischen Kunst ein und sehen die selbe Welt, wir schalten den Fernseher ein und wieder das selbe – das Chaos der blinkenden Bilder und Assesoires. Diese bis an die Grenzen des Ertraglichen getriebene Effekthascherei ist, wenn sie auf die Kunst übertragen wird, um so mehr sinnentlehrt.

Das Wesen guter Kunst ist die Fähigkeit, alle möglichen realen und direkten Zusammenhange zu relativieren. Sie sollte eine Alternative bilden und die Essenz dessen herausarbeiten, was nur aktuell ist, aber die Chance besitzt, überzeitlich zu werden. Unlängst hörte ich die Aussage eines der jungen Ausstellungskuratoren der neuen Kunst; er sagte, dass das Wesen der zeitgenössischen Kunst ihre bewusste Negierung der Überzeitlichkeit zu Gunsten der Aktualität ist – ein jämmerlicher Unsinn. Gleichzeitig sollte die Kunst mit den Medien konkurrieren und zu einem eindeutig kommerziellen Handeln werden. Ist dies heute die einzige Methode, auf dem Markt zu existieren? Das Meiden der Aktualität und das Fehlen des Engagements in irgendeinem modischen sozialen oder politischen Kontext ist mit Sicherheit eine Art Flucht aus dem Markt, in dem sich auf diese Weise den Medien keine Chance zur Vereinfachung und zur einfachen Verpackung in irgendeinen Kommentar bietet. Im Ergebnis sucht die Mehrheit der Künstler verzweifelt eine Methode oder eine Idee, die ihm eine Chance geben wurde, seine Arbeit in irgendeinen medial aktuellen, jungen Kontext einzubetten – eine attraktive Verpackung zu erreichen, bedeutet heute den ?Markt? zu erobern.

Seit langem wird über Kunst nicht mehr diskutiert (und auch nicht gesprochen). Was Interesse, und manchmal sogar Skandale, hervorruft, was Diskussionen provoziert, sind nur die Kontexte und die Art der Verpackung. Mit der Kunst hat dies nichts zu tun.

Die Kunst balanciert irgendwo zwischen den Techniken der Kommunikation und der Religion. Sie ist dabei weder das Eine noch das Andere. Glauben ist in der Kunst ebenso wichtig wie Wissen. Dieser Relativismus, der in der Philosophie und im Leben eher zynisch zum Nihilismus fuhrt, ist in der Kunst ein unschätzbarer Vorteil. Es ist einfach, irgendein Thema zu verspotten oder durch einen primitiven Scherz oder durch Provokation in irgendeinen (tätsachlichen oder virtuellen) Dreck ?einzutauchen?. Um vieles schwieriger ist die Relativierung ihrer Bedeutung sowie das Herauslösen aus dem Kontext und dem Konkreten, um dabei irgendeinen uberzeitlichen Sinn oder Wert zu erhalten. Die Kunst sollte dabei die Schwester der Natur sejn, die gerade durch ihre Größe und ewige Existenz permanent alle ?Fakten? und Kontexte relativiert. Sie bring schöne und logische Formen hervor, die seit Jahrhunderten zur Inspiration für echte Künstler wurden. Dabej hat die Technik der Aussage keine Bedeutung; dies lässt sich sowohl in der realistischen Malerei, als auch in der abstrakten oder beispielsweise in der Pop-Art erreichen, aber auch in Installationen oder Aktionen der neuesten Kunst und in allen anderen Formen und Richtungen; ebenso im Theater, im Film oder in der Poesie (in der Poesie vielleicht am leichtesten).

Vielleicht sollte das, was ich als den Relativismus der Kunst bezeichne, einfach die Notwendigkeit der Poesie in der Kunst genannt werden.

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